Aus dem Leben einer Teatasterin
Mein Name ist Stephanie Klar und ich bin bei Goldmännchen zuständig für den Bereich Tea-Tasting und damit für die Gewährleistung unserer bekannten Teequalitäten sowie natürlich auch für die Neukreationen des Hauses. „Ein wundervoller Beruf, den Sie da haben“, bekomme ich immer wieder zu hören, „muss ja herrlich sein, jeden Tag beste Teequalitäten zu testen und neue phantastische Geschmacksabenteuer auszuprobieren und umzusetzen“. Und in der Tat, es stimmt, zumindest für mich gibt es keinen schöneren Beruf, welcher nicht nur Leidenschaft, Geschmackssinn und Fingerspitzengefühl, sondern auch Erfahrung und vor allem viel Erinnerungsvermögen erfordert. Natürlich kommt mir hier meine angeborene Liebe zum Essen und Trinken zur Hilfe, denn Teataster müssen echte Genußmenschen sein, und dennoch dauert es sehr lange Zeit, bis man durch tägliches Tee-Verkosten geschmacklich soweit sensibilisiert ist, dass man die einzelnen Proben genau beurteilen kann.
Heute ist Freitag, der 08.02.02, und ich komme schon relativ früh im Betrieb an, nachdem ich die Kinder im Kindergarten abgeliefert habe. Heute ist ein besonderer Tag, weil wir heute eine ganze Reihe spezieller neuer Tees eines neuen Lieferanten ausprobieren. Nachdem ich meine Schürze übergezogen habe, fülle ich nach einer gründlichen Geruchs- und Tastprobe den abgewogenen Tee in einen Porzellanbecher mit Deckel und brühe ihn mit frisch aufgekochtem Wasser auf. Fünf Minuten muß er ziehen, bevor ich den Tee in eine kleine Schale gießen kann und meine eigentliche Arbeit heute Morgen beginnt: Die Auswahl neuer Teesorten für den Wellnessbereich. Nach der Ziehzeit wird zuerst das Aroma des Dampfes beim Abnehmen des Deckels beurteilt, dann die Farbe und der Geruch des Aufgusses, die sogenannte „Infusion“.
Anschließend nehme ich von jeder Probe mit einem Löffel einen Schluck Tee und jetzt geht’s richtig los, ich verwandle mich in ein kleines schlürfendes, schmatzendes und spuckendes drachenartiges Wesen, schlürfe, schmecke, schlürfe wieder, damit der Tee auch wirklich alle Geschmacksknospen in meinem Mund erreicht und spucke dann den Tee in ein Kupferbehältnis, meinen Spittoon. Gut, daß meine Bewunderer jetzt nicht im Raume sind und keiner mein morgendliches Teespektakel mit pikanter Geräusch-Inszenierung mitbekommt. Aber es gilt: ohne intensives Eintauchen in die Geschmackswelt jeder einzelnen Probe, keine brauchbaren Ergebnisse, keine Innovationen und erst reicht keine Qualitätssicherung. Leider finde ich heute Morgen nur wenige Proben wirklich gut, unser neuer Lieferant wird etwas unglücklich sein!
Gerald Elsässer said,
Was mich interessieren würde, bei aller Berücksichtigung von Qualität und Geschmack – spielt die Rolle des fairen Handels und die Beziehung zu Lieferanten und Anbauern auch beim Tasting eine Rolle oder ist man wirklich nur auf den reinen Geschmack konzentriert?
18. September 2008 @ 15:29
Stefanie Klar said,
Das ist sicher ein brisantes Thema und die Antwort nicht mit einem Satz zu geben. Sicher ist der „faire“ Handel eine wichtige und anstrebenswerte Sache. Allerdings mussten wir feststellen, dass auch beim so genannten „fairen“ Handel nicht immer das eingehalten wird, was eigentlich gewollt war. Der Euro an Mehrkosten kommt eben nicht unbedingt immer beim kleinen Teeanbauer an oder es wird teilweise auch versucht, einfach minderwertige Ware unter dem Deckmantel des „fairen“ Handels überteuert zu verkaufen. Das passt für uns nicht zusammen!
Was für uns zusammen passt, ist beispielsweise der Ankauf von Tee aus organischem Anbau, sicher auch teurer, aber von hoher Qualität, die sich aber auch durchsetzt und die etwas höheren Preise rechtfertigt.
Nach unserem Verständnis handeln wir mit und ohne “Fairtrade“ Anbindung, immer so „fair“ wie irgend möglich und sind uns unserer Verantwortung gegenüber unseren Lieferanten voll bewusst. Wir wissen und berücksichtigen auch, dass manche Entscheidung, die wir treffen, u.U. sogar existenzbedrohend sein kann und versuchen entsprechend verantwortungsbewusst zu agieren. Trotzdem – in erster Linie achten wir im Sinne des Kunden auf Qualität, denn schließlich haben wir dem Kunden gegenüber ebenfalls eine große Verantwortung.
18. September 2008 @ 17:29
Claus Vollmer said,
Wie, um alles in der Welt, kann man sich Geschmack merken: Namen, Englischvokabeln, Telefonnummer, alles kein Problem, aber beim Geschmack ist es bei mir völlige Fehlanzeige, egal ob beim Wein (auch eine kleine Leidenschaft von mir) oder eben auch beim Tee. Ich kann, wenn ich zwei Tees im direkten Vergleich habe, durchaus Qualitätsunterschiede herausschmecken, aber ohne Vergleichsmöglichkeiten befinde ich mich völlig im Blindflug. Gibt es für den professionellen Taster auch so etwas wie Eselsbrücken, um sich so etwas merken zu können.
02. October 2008 @ 14:41
Stefanie Klar said,
Ich kann natürlich nicht für alle TeaTaster sprechen, aber ich brauche dafür keine Eselsbrücken. Der einzige Unterschied zwischen einem „normalen“ Teeliebhaber und uns TeaTastern dürfte sein, daß wir in der glücklichen Lage sind, täglich mit diesen vielen unterschiedlichen Geschmackserlebnissen konfrontiert zu sein, und dann auch noch mit der Zeit ausgestattet, uns intensiv damit auseinandersetzen zu können. Zugegeben – ein Privileg, das es uns ermöglicht, daß das ganze einfach in Fleisch und Blut übergeht, wie mit einer Sprache, die man täglich spricht. Auch da muss man ja auch nicht mehr Vokabeln pauken, sondern man spricht sie einfach, lernt sie intuitiv und fühlt sich in ihr Zuhause. Genauso ist es beim Teatasting.
Also, es hilft nur eins – verkosten, verkosten, verkosten – alles andere kommt dann von selbst.
14. October 2008 @ 11:02
Frieder said,
Genau so ist es. Es ist ein Privileg, dass man an der Quelle sitzen und tagtäglich alle Tees der Erde probieren kann. Nur das schult den Geschmack - also reine Übungssache. So entwickelt sich allmählich das Vokabular und das Geschmacks-Gedächtnis (ich versuche teilweise Geschmäcker zu visualisieren, d.h. die Optik des Tees zu verbinden und dann abzuspeichern. Die Gelegenheit, Tees zu trinken haben “Erna und Otto Normalverbraucher” eher nicht. Zum Glück gibt es oft Möglichkeiten, Tees vor Kauf zu Probieren bzw.erst einmal kleinere Mengen zukaufen. Deswegen veranstalte ich z.B. Tee-Events, wo Tees ausprobiert werden können, bevor sie dann gezielt im Handel gekauft werden (sorry wg. der Schleichwerbung ;-).
06. November 2008 @ 10:14
Horst said,
Ich denke, da gibt es auch so eine Art Ausbildung, weil ich auch irgendwo gelesen habe, dass viele Qualitätsbezeichnungen auch standardisiert sind. Wenn es so etwas wie eine Ausbildung gibt, dann drängen sich für mich zwei Fragen auf:
Gibt es eine offizielle Ausbildung Zum Tea Taster?
Wie sieht die aus und wo kann man sie machen?
Gibt es eine Alterbegrenzung?
OK, ich habe gemerkt, jetzt sind es doch noch ein paar mehr Fragen geworden, als angekündigt, aber es würde mich freuen, wenn ich dazu mehr erfahren könnte.
16. February 2009 @ 11:37
Stefanie Klar said,
Ich habe dafür einen extra Tagebucheintrag geschrieben. Ich denke, da sind so ziemlich alle Fragen beantwortet.
19. February 2009 @ 13:56
Anja said,
Hallo Frau Klar,
wenn Sie auch die Teatasterin der neuen Premiumpad-Sorten sind, haben Sie Ihren Job sehr gut gemacht. Ich habe noch nie zuvor einen so hochwertigen und geschmacklich gut ausbalancierten Tee getrunken, ehrlich.
Vielen Dank für diese Bereicherung, auch an den Rest des Teams.
Herzliche Grüße aus Köln
Anja Zielke
22. February 2009 @ 19:25
Nora Wohlgemut said,
Gibt es eigentlich bei Teesorten, ähnlich wie beim Wein, Jahrgangsunterschiede. Könnte mir das gut vorstellen, aber wie macht ihr das dann, wenn z.B. ein Jahrgang durchweg minderwertig ist, ihr aber euren Kunden den gleichen Geschmack liefern wollt?
23. February 2009 @ 15:13
Stefanie Klar said,
Zunächst möchte ich mich bei Frau Zielke für das Kompliment bedanken, denn es tut immer gut, wenn man positive Rückmeldung auf ein neues Produkt bekommt. Dann möchte ich mich aber auch noch bei Frau Wohlgemut entschuldigen, dass ich jetzt erst dazu komme, ihre Frage zu beantworten. Aber besser spät als nie.
Zunächst einmal mag es beim Wein vielleicht einen durchweg schlechten Jahrgang geben, beim Tee ist mir aber so etwas nicht bekannt. Sicher gibt es Unterschiede, aber das bezieht sich weniger auf die eigentliche Qualität, sondern auf Geschmacksnuancen, die man bei hochwertigen Tees aber durchaus haben möchte und auch belässt. Für die Standardteesorten, die man geschmacklich auf einem gleichbleibenden Level halten möchte, gilt es eben, die richtige Teesorte aus den unterschiedlichen Anbaugebieten zu finden. Bis jetzt sind noch immer fündig geworden, um einen gleichbleibenden Standard halten zu können. Ich hoffe, dass ich damit die Frage hinreichend beantworten konnte.
27. March 2009 @ 15:38
Ralf Sehnenmayer said,
Habe gerade bei einem Teeclub gelesen, dass sie sich ausschließlich mit Schwarztee beschäftigen, also nichts mit anderen Kräutern oder gar Fruchtgeschichten. Wollte da nur mal in die Gemeinde und an die Fachfrau fragen, ob das wirklich ein Indiz für Teekennerschaft ist, oder ob es sich dabei eben nur um eine besonders „noble“ Vereinigung handelt.
21. April 2009 @ 11:51
Claus said,
Also ich weiß ja nicht, wie unsere Fachfrau darüber denkt, ich bin mir aber fast sicher, dass du mit deiner zweiten Vermutung ganz richtig liegst. Natürlich ist die Welt der Original-Teepflanze schon so groß an Unterschieden in Geschmack, Farbe, was weiß ich was alles, dass man sich darauf beschränken kann. Ich denke aber umgekehrt, dass Blends mit anderen Kräuter und Früchten aber so spannend sind, dass man das nicht einfach als profan oder stillos einfach abtun sollte. Ich als Teefreak habe überhaupt kein Problem, einen Früchtetee zu trinken, Hautsache, er ist eben gut.
06. May 2009 @ 11:59
Sabine said,
Hallo,
auch ich möchte ein grosses Lob hier loswerden. Ich habe mir 3 Sorten der neuen Teepads gekauft und schon zwei probiert. Kokos-Ananas und Ingwer-Limette.
Die sind soo lecker, hmmm. Wirklich sehr ausgewogen und einfach ein Genuss. Egal ob mit der Padmaschine oder in der Tasse bzw. Kanne der Tee schmeckt einfach, da ist Euch echt was sehr tolles gelungen.
Schade ist dass ich nur durch Zufall die neue Sorten entdeckt habe. Sonst keine Werbung oä. Ich jedenfalls empfehle Ihre Tees sehr gerne weiter.
14. August 2009 @ 10:07